Gerüchte als treibende Kraft der Geschichte

Kunst, Kultur | Holger Fischer
Gerüchte als treibende Kraft der GeschichteGerüchte als treibende Kraft der Geschichte: Von der römischen Göttin Fama bis zur digitalen Geschwindigkeit des 21. Jahrhunderts

Gerüchte sind älter als die Schrift, älter als die ersten Städte, und sie sind so alt wie die menschliche Gesellschaft selbst. Schon in der Antike wurde die Göttin Fama (altgriechisch: Pheme) verehrt, die als personifizierte Stimme des Ruhms und des Gerüchts betrachtet wurde. In den antiken (klassischen) Mythologien war sie eine mächtige, flüchtige Gestalt, die sich durch die Welt bewegte, schneller als jedes Unheil. In der Aeneis von Vergil wird sie als monströses Ungetüm beschrieben, das „sich der Beweglichkeit freut und an Kraft zunimmt, wie es forteilt“. Ihre mehreren Ohren, Mäuler und Zungen symbolisieren die unkontrollierbare, sich selbst verstärkende Natur des Hörensagens – eine Kraft, die schon damals die Welt in Bewegung setzte.

Zeitalter des Internets

Doch heute, im Zeitalter des Internets, hat sich die Geschwindigkeit, mit der Gerüchte entstehen und sich verbreiten, exponentiell erhöht. Was in der Antike Tage oder Wochen dauerte, ist heute eine Sekunde. Das Internet ist das Hörensagen im digitalen Zustand, wie der Literaturwissenschaftler Hans-Joachim Neubauer treffend formuliert. Nachrichten, die noch nicht überprüft sind, verbreiten sich weltweit in Echtzeit. Heute ist das Gerücht bereits in der Welt, bevor die Wahrheit >> ihre ersten Schritte tut. Diese Dynamik hat eine neue Epoche des Gerüchts erschaffen.

Sind Gerüchte zwingend auch Lügen?

Gerüchte sind nicht per se Lügen. Wie die Ausstellung „Gerücht“ im Museum für Kommunikation zeigt, liegen sie zwischen Wahrheit und Falschmeldung – sie sind Deutungen, Interpretationen, die auf Unsicherheit reagieren. Sie erklären das Unbekannte, klären vermeintliche Konflikte und schaffen gemeinsame Identität. Ob es um den Flurfunk in einem Büro, die politische Intrige im Parlament oder die Verschwörungstheorien nach dem 11. September geht: Gerüchte sind soziale Reaktionen auf Ungewissheit - und sie haben Macht, manchmal sogar mehr als offizielle Nachrichten.

Gerücht als zweischneidige Macht

Doch diese Macht ist zweischneidig: Während Gerüchte als soziale Sicherungssysteme dienen können, können sie auch schädlich sein – wie im Fall des antisemitischen Gerüchts über rituelle Mordvorwürfe in Orléans 1969, das zu Gewalt >> führte. Noch ein Beispiel: Ein Gerücht über einen Politiker, welches über Social Media fliegt, kann einen Ruf ruinieren, bevor die Fakten vorliegen.

Fazit

Die Göttin Fama (Pheme), die einst die Stimme der Welt war, hat heute tausend Stimmen – und eine Geschwindigkeit, die die Antike nicht kannte. Die Frage ist nicht mehr, ob wir Gerüchte haben, sondern wie wir mit ihnen umgehen. Denn in der digitalen Welt gilt: Wer das Gerücht setzt, kann es nicht mehr zurücknehmen - und wer es weitergibt, trägt Verantwortung – auch, wenn er sich hinter der Anonymität des Internets verbirgt.

Zur Webseite des langsamen Gerüchts der Antike:

Pheme / Fama, Göttin des Gerüchts und Ruhms >> (Bildquelle: KI)

27. Februar 2026 | ID: 31119 | Artikel löschen
Holger Fischer

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